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Geschichte

 

Kurze Geschichte der Sozialen Pädiatrie

H.M. Straßburg

Am 18. Februar 1909 wurde in Berlin die „Deutsche Vereinigung für Säuglingsschutz“ gegründet. Sie sah ihre Hauptaufgabe in einer Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und dem Aufbau von Säuglingseinrichtungen in Deutschland. Gründungsvorsitzender war der Direktor des neugegründeten Kaiserin Auguste Victoria-Hauses in Berlin, Arthur Keller. Ab Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich vor allem jüdische Kinderärzte für den Auf- und Ausbau sozialpädiatrischer Einrichtungen verdient gemacht. Neben Arthur Schlossmann in Dresden waren dies u.a. Hugo Neumann und Heinrich Finkelstein in Berlin sowie Max Taube in Leipzig mit der vorbildlichen Betreuung von kranken Neugeborenen und Säuglingen sowie der Einrichtung von Mütterberatungsstellen. Gustav Tugendreich aus Berlin hat in einem ausführlichen Handbuchartikel zusammen mit Max Mosse am Beispiel der kindlichen Tuberkulose die Zusammenhänge von Krankheiten und sozialer Lage publiziert.

 

Während und nach dem Ersten Weltkrieg wurden die sozialen Probleme als Ursache für Krankheiten und Entwicklungsstörungen zunehmend offenkundig. Deshalb erfolgte 1920 die Umbenennung der Gesellschaft in „Deutsche Vereinigung für Säuglings- und Kleinkinderschutz“. Ihre Mitglieder, praktisch alle führenden Direktoren von Kinderkliniken und öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, engagierten sich vor allem mit der Veröffentlichung von Ernährungs- und Gesundheitsberatungen, Maßnahmen zur Prävention von Krankheiten und Forderungen zur allgemeinen Verbesserung der Lebensumstände von Kindern. Beispielhaft seien „Die 10 Gebote für die junge Mutter“ erwähnt, vielfältige Aufforderungen zum Stillen und zur Herstellung hygienisch einwandfreier Nahrungen, Hinweise wie z.B. „Licht, Luft und Sonne dienen deinem Kind“, „Vermeidet zu warme Kleidung und pralle Hitze“ oder Ratschläge wie „Dein Kind ist kein Schaustück“ und „Suche in regelmäßigen Abständen den Kinderarzt und die Beratungsstelle auf“. Ganz wesentlich prägend für die bürgerliche Gesellschaft wirkte das weit verbreitete Büchlein des Berliner Pädiaters Adalbert Czerny, „Der Arzt als Erzieher des Kindes“, das zwischen 1911 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges in mehr als 20 Auflagen erschien.

 

1930 gründete der Direktor der Dortmunder Kinderklinik, Stefan Engel (1878-1968) zusammen mit E. Nassau die Zeitschrift „Kinderärztliche Praxis“ als Zeitschrift für alle praktisch tätigen Kinderärzte. Von ihm stammt der Ausspruch „Jeder Kinderarzt, der seine Aufgabe voll erfasst, muss gleichzeitig Sozialarzt sein“.

 

Ein weiteres Beispiel herausragender sozialpädiatrischer Aktivitäten sind die Aufklärungsschriften des Mannheimer Kinderarztes Eugen Neter (1876-1966), die zum Teil auch in der weit verbreiteten Zeitschrift „Gartenlaube“ erschienen. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich Meinhard von Pfaundler aus München mit dem Komplex der kindlichen Entwicklung und Yussuf Ibrahim begründete mit seinen Beiträgen über die Ursachen von Entwicklungsstörungen die deutsche Neuropädiatrie, auch leistete er einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des Berufsbildes der Kinderkrankenschwester.

 

Mit Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten änderte sich die kinderärztliche Versorgung in Deutschland grundlegend. Fast 50% der Kinderärzte waren jüdisch, viele von ihnen hatten sich mit der Behandlung armer Bevölkerungsschichten, der Prävention und der Betreuung von Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten aller Art befasst. 1934 ging die Deutsche Vereinigung für Säuglings- und Kleinkinderschutz in die „Reichsarbeitsgemeinschaft Mutter und Kind“ auf. Hier war vor allem Fritz Rott als Leiter des Organisationsamtes Säuglings- und Kinderschutz in Berlin von Bedeutung, der sich weiterhin mit Aufklärungs- und Präventionsthemen befasste. Nicht wenige auch der sozial engagierten Kinderärzte waren ab 1933 in die Sterilisationsmaßnahmen und ab 1939 im Rahmen der T4-Aktion in die Selektion und Begutachtung von kranken und behinderten Kindern involviert. Zunehmend werden historisch relevante Einzelheiten und regionale Besonderheiten zur Pädiatriegeschichte in Deutschland zwischen 1933 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht, u.a. in der Monographie „Im Gedenken der Kinder – die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“.

 

Auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Kinderheilkunde in Göttingen unter H. Kleinschmidt wurde 1948 die Deutsche Vereinigung für Säuglings- und Kleinkinderschutz wieder begründet. Auf den nun folgenden Jahrestagungen waren u.a. Säuglingsfürsorge, Schulgesundheit, Erziehungsprobleme, Ausbildung von Kinderkrankenschwestern sowie die Kinder- und Jugendfürsorge Hauptthemen. 1953 wurde die Gesellschaft in „Deutsche Vereinigung für Gesundheitsfürsorge des Kindesalters“ umbenannt, und es wurde eine enge Zusammenarbeit mit dem Ausschuss für Fragen der Schulgesundheitspflege und dem Paritätischen Wohlfahrtsverbandes gepflegt.

 

Anfang der 60er Jahre entstand in der Poliklinik der Universitäts-Kinderklinik in München eine selbständige Abteilung für „Prophylaktische Pädiatrie“ unter Leitung von Theodor Hellbrügge (geb. 1919). Von ihm wurde 1967 ein Aufsatz über „Schwerpunkte der Sozialen Pädiatrie im Kleinkindes- und Schulalter“ im Deutschen Ärzteblatt publiziert. Hierin wurden die speziellen Gefährdungen, aber auch die großen Chancen der Kindheit dargestellt, die spezifische Kenntnisse des behandelnden Arztes verlangen. Wesentliche Grundlage der Erziehung des Kindes ist die Familie, wohingegen durch Massenpflege und mangelnde Zuwendung, wie dies in den Säuglings- und Kinderheimen üblich war, schwerwiegende und irreparable Gesundheitsschäden entstehen. Als besondere „Katastrophe für Kinder“ wurde von ihm die Mütterarbeit bezeichnet. Weiterhin wurden Überforderungen in der Schule und fehlende Spiel- und Sportzeiten angeprangert. Zur Verbesserung der Kindergesundheit wurden regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen in definierten Zeiten, z. B. mit einem Tag, einer Woche, 6 Wochen, 3 Monaten, 9 Monaten, 15 Monaten, 2, 3, 4 und 5 Jahren gefordert. Seine Vorstellungen wurden u.a. auch in einem umfangreichen Kapitel „Soziale Pädiatrie“ im legendären Handbuch der gesamten Kinderheilkunde zusammen mit J. Pechstein dargestellt.

 

1966 wurde die Vereinigung für Gesundheitsfürsorge des Kindesalters unter dem damaligen 1. Vorsitzenden Kurt Nitsch in „Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie“ umbenannt. 1968 wurde von Theodor Hellbrügge das erste Sozialpädiatrische Zentrum in München als Einrichtung zur interdisziplinären Behandlung von Kindern jeglichen Alters mit Entwicklungsauffälligkeiten und Behinderungen gegründet.

 

In der Satzung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie in ihrer Fassung vom 20.9.1973 steht: „Die Gesellschaft will Lehre und Forschung in der Sozialpädiatrie fördern, Fragen der Anwendung pädiatrischer Erkenntnisse zur Hebung der Gesundheit allgemein, der Gesundheit von Mutter und Kind im Besonderen, klären, die Ergebnisse dieser Arbeit sammeln und den zuständigen Bundes- und Landesbehörden, den Körperschaften und den auf diesem Gebiet tätigen Einzelpersonen (Ärzten, Lehrern, Sozialarbeitern usw.) in geeigneter Form zugängig machen. Teil dieser Aufgabe ist die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Gesundheitspflege für Mutter und Kind“.

 

Der Direktor der Universitäts-Kinderklinik Mainz, Ulrich Köttgen, stellte 1977 in einem Aufsatz zur Lage der Sozialpädiatrie fest, dass „das soziale Denken und Handeln in Deutschland einen geringen Stellenwert habe. Säuglingssterblichkeit und Kinderunfälle sind immer noch unverhältnismäßig hoch und es fehlt die praktische Ausbildung in Gesundheits- und Krankheitsbelangen in den Sozialberufen“. Er warb für eine notwendige Verbindung zwischen medizinischen und sozialen Diensten und prangerte insbesondere das fehlende Bewusstsein für soziale Themen an den deutschen Universitäten an. Dabei verwies er auf die Notwendigkeit von Kosten-Nutzen-Studien, von Auslandskontakten und intensiver Öffentlichkeitsarbeit.

 

Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre wurde, ausgehend von einer Anfrage des Vorstandes der Gesellschaft für Sozialpädiatrie, in den Gremien der Kinderheilkunde heftig über deren Inhalt und die Abgrenzung der Sozialpädiatrie diskutiert. So schrieb der damalige Düsseldorfer Ordinarius, Gustav-Adolf von Harnack: „Sozialpädiatrie als Beschäftigung mit dem einzelnen Kind ist integrierender Bestandteil der pädiatrischen Tätigkeit schlechthin. Sozialpädiatrie befasst sich darüber hinaus mit den Auswirkungen der Umweltverhältnisse auf die Gesamtheit aller Kinder oder von Kindergruppen. Sozialpädiatrie versucht also, die Umwelt möglichst so zu gestalten, dass Kinder in optimaler Weise gefördert werden“.

 

Zwischen 1974 und 1992 wurde die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie vor allem von Kurt Hartung und Theodor Hellbrügge geprägt. Schwerpunkte ihrer Arbeit waren u.a. die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, der schulärztliche Dienst, das Sammeln epidemiologischer Daten, die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, die Förderung von Schutzimpfungen, die Gesundheitserziehung, die Entwicklungs-Rehabilitation sowie der Jugendarbeitsschutz. Eine wesentliche Errungenschaft war die Einführung der Früherkennungsuntersuchungen mit dem gelben Untersuchungsheft, die seit 1968 von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland finanziert werden. Neben einer Vielfalt von Merkblättern zu Gesundheitsfragen im Kindesalter wurden regelmäßig erscheinende Schriften wie „Sozialpädiatrie in Praxis und Klinik“, „Kindergesundheit“ und „Kinderkrankenschwester“ gegründet. Verschiedene Ausschüsse in einem wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft beschäftigten sich u.a. mit Impffragen, Kinderkrankenpflege und dem bundesweit flächendeckenden Aufbau der Sozialpädiatrischen Zentren. 1979 erschien erstmals das von Martin Manecke herausgegebene Buch „Sozialpädiatrie – Lehrbuch für Studierende und Ärzte“. 1981 gab Hellbrügge zusammen mit seinen Mitarbeitern das Buch „Klinische Sozialpädiatrie – ein Lehrbuch der Entwicklungs-Rehabilitation im Kindesalter“ heraus und publizierte in der Reihe „Forschritte der Sozialpädiatrie“ viele Aspekte des Faches. Unter den Präsidenten Hans Georg Schlack, Bonn (1992 – 1996) und Hubertus von Voß, München (1996 – 2000), wurden vor allem die Sozialpädiatrischen Zentren in Deutschland flächendeckend weiter ausgebaut und wesentliche Akzente in der Prävention und der wissenschaftlichen Darstellung der Sozialpädiatrie gesetzt, u.a. mit der Neugründung der „Kinderärztlichen Praxis“ als Zeitschrift für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin und offiziellem Organ der DGSPJ sowie der Stiftung des Stefan Engel-Preises, der alle 2 Jahre auf der Jahrestagung für die beste wissenschaftliche Arbeit zu einem sozialpädiatrischen Thema vergeben wird.

 

Weitere Aufgaben waren die Zusammenführung der Sozialpädiatrie in den alten und neuen Bundesländern und die enge Kooperation mit Eltern-Selbsthilfegruppe, vor allem dem Deutschen Kindernetzwerk in Aschaffenburg. Hans Georg Schlack hat zusammen mit renommierten Mitautoren in seinem 1995 erstmals erschienenen Buch „Sozialpädiatrie – Gesundheit, Krankheit, Lebenswelten“ den Aufgabenbereich des Faches, wie es heute verstanden wird, dargestellt.

 

1983 wurde als Symbol für die Gesellschaft eine französische Medaille mit der beschützenden Hygieia und zwei kindlichen Genien ausgewählt. Nachdem 1996 der Name der Gesellschaft nochmals in „Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin“ verändert wurde, erstellte man 2002 als Logo ein modernes Symbol, das die drei Säulen der praktischen Sozialpädiatrie, die primäre, die sekundäre und die tertiäre Prävention, darstellen soll – hierunter werden auch der öffentliche Gesundheitsdienst, die Früherkennung von Entwicklungsstörungen und die Entwicklungs-Rehabilitation verstanden, es kann aber auch Symbol für die Familie auf einer gemeinsamen Grundlage interpretiert werden.

Während der Präsidentschaft von Harald Bode (2001 – 2008) und Hans Michael Straßburg wurde, bisher leider vergeblich, versucht, die Anerkennung einer Zusatzweiterbildung „Sozialpädiatrie“ zu erreichen.

 

Heute ist die Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin neben der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte im Vorstand der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, dem Dachverband aller pädiatrischen Organisationen, und somit wesentlich an der Mitgestaltung der gemeinsamen Stellungnahmen der Kinder- und Jugendmedizin beteiligt. Seit 1982 werden die Jahrestagungen der DGSPJ zusammen mit der DGKJ gestaltet. Derzeit sind ca. 1.800 Personen und 100 Körperschaften, insbesondere Sozialpädiatrische Zentren, Mitglieder der Gesellschaft. Die Geschäftsstelle befindet sich seit 2009 in Berlin, das Archiv ist gemeinsam mit den anderen pädiatrischen Gesellschaften in der Humboldt-Universität Berlin.

 

Wesentliche Schwerpunkte der aktuellen Arbeit sind:

 

Unverändert ist ein besonders Anliegen der DGSPJ ist die Anerkennung der Sozialpädiatrie im Rahmen der Weiterbildungsordnung als qualifizierte Zusatzbezeichnung.

 

 

 

Literatur

Aly, G.: Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. S. Fischer, Frankfurt 2013

Beddies, T.(Hrsg.): Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit. Dt. Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin 2012

Bode, H., Straßburg, H.M., Hollmann, H.: Sozialpädiatrie in der Praxis. Elsevier Urban & Fischer München 2012

Czerny, A.: Der Arzt als Erzieher des Kindes. Franz Deuticke, Wien, 1911-1942.

Hartung, K.: Ein Jahrhundert Sozialpädiatrie. In: Sonderausgabe von DER KINDERARZT, 1983.

Hellbrügge, Th., J. Pechstein: Die Soziale Pädiatrie als Träger der ärztlichen Vorsorge für das Kindesalter. Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Arbeitshygiene III, 101-106, 1968.

Hellbrügge, Th.: Klinische Sozialpädiatrie – ein Lehrbuch der Entwicklungs-Rehabilitation im Kindesalter. Springer-Verlag, Berlin, 1981.

Hellbrügge, Th.: Schwerpunkte der Sozialen Pädiatrie im Kleinkindes- und Schulalter. DÄB 64, 811-815, 872-876, 938-941, 1967.

Hellbrügge, Th.: Soziale und prophylaktische Pädiatrie. In: B. Keller, A. Wiskott, Lehrbuch der Kinderheilkunde, 1966.

Hellbrügge, Th.: Persönliche Mitteilungen 2006.

Köttgen, U.: Zur Lage der Sozialpädiatrie. DER KINDERARZT 8, 1497-1499, 1977.

Manecke, M.: Sozialpädiatrie – Lehrbuch für Studierende und Ärzte. Urban & Schwarzenberg, München, 1979.

Peiper, A.: Chronik der Kinderheilkunde. G. Thieme-Verlag, Leipzig, 1951.

Schlack, H.-G.: Sozialpädiatrie – Gesundheit – Krankheit – Lebenswelten. G. Fischer-Verlag, Stuttgart, 1995.

Sick, F., E. Neter (1876-1966): Ein Beitrag zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes. Inaugural-Dissertation an der Medizinischen Fakultät Freiburg, 1988.

Straßburg, H.M.: Geschichte der Sozialpädiatrie. In: Bode, H., Straßburg, H.M., Hollmann, H.: Sozialpädiatrie in der Praxis. Elsevier Urban & Fischer München 2012, pp 10-17

Windorfer, A.: 100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde. In: Sonderausgabe von DER KINDERARZT, 1983.